Die 00erJahre: Die vergessendsten Alben des Jahrzehnts I

Das Jahrzehnt mit der Doppelnull ist vorüber und damit ist es auch für viele Medien, Feuilletons und Einzelpersonen an der Zeit ein Fazit zu ziehen. Was bleibt uns davon erhalten? Was hat sich in den kulturellen Kanon eingeschrieben? Was ist es wert, für folgende Generationen konserviert zu werden? Bei all diesen Kanonisierungen, Best-Of-Listen und Jahrzehnt-Revuen müssen zwangsläufig Alben unter den Tisch fallen. One-Hit-Wonder, Kurzzeithits, letzte Großtaten von sterbenden Bands und Genres… teilweise auch wahre Perlen der musikalischen Landschaft. Rinko Heidrich und Florian Bayer haben sich auf die Suche nach den Alben begeben, die in den zahllosen Best-Of-Listen des vergangenen Jahrzehnts ungerechtfertigterweise keine Rolle mehr spielen. Alben, die bei Erscheinen begeistert rezipiert und dann doch wieder vergessen wurden, Alben die zu Unrecht der gnadenlosen Kritik der Musikpresse zum Opfer fielen, aber auch Alben, denen in den letzten zehn Jahren zu keinem Zeitpunkt die Aufmerksamkeit zu Teil wurde, die sie verdienen. Hier unser Ergebnis: Eine kleine Serie mit den zur Zeit vergessendsten, missverstandendsten und ungerechtest behandelten Alben der letzten Dekade…

Starsailor – Love is Here

(2001)

Anfang der 00er Jahre war Cool Britannia am Ende. Das einstmals von Tony Blair ausgerufene Schlagwort und der Patriotismus der großen Britpop Jahre war verflogen und überwiegend amerikanischer Hip Hop und New Metal hatte die Charts fest im Griff. Das eintsmal große Flaggschiff Oasis ging mit zwei erschreckend überflüssigen Alben Kiel holen und so ruhten die Hoffnungen der BritPop Jünger auf Starsailor, deren Debutalbum “Love is Here” schon ein großer Hype vorausging und die mit Travis einen Gegenpart zu dem Schwanzrock der Amis bilden sollten. Die Erwartung ging vollends auf. Love is Here ist tatsächlich ein  Meisterwerk der stillen Leidenschaft. Reduziert  und verletzlich in den ruhigen Folk Elementen und pompös in den hymnischen Momenten, allen voran natürlich Good Souls. Nie wieder waren die Jungs so Weltklasse wie hier.

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PJ Harvey – Stories From The City , Stories From The Sea

(2004)

Shocking! Ausgerechnet die Ikone des Indie in stylishen Kleidern, mit einer Designer Damenhandtasche und schicker Brille. Die Annäherung an den Mainstream schien klare Sache und ließ Fans der ersten Stunde panisch nach Luft schnappen. Dabei ist “Stories” das Album was Kate Bush in ihrem sterilen 80er Kitsch nie hin bekommen hat. Die an Iggie Pop erinnernde “This is Love” und das dramatische “We Float,” das in puncto Pathos sogar noch Pulps “This is Hardcore” in den Schatten stellt, sind großartige, zeitlose Pophymnen.  PJ Harvey fährt die Krallen auf diesem Album zurück und bezirpst uns mit bedrohlichen Schnurren.

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D`Ángelo – Vodoo

(2000)

Nicht nur uns Europäern ging der immer beatlastigere  Mainstream-R&B der 90er auf die Nerven, auch im Black Music Bereich selbst gab es eine Gegenbewegung zu all dem oberflächlichen und blutleeren Producersound. Der sogenannte Nu Soul nahm den Weg zurück zu dem Soul der 70er, verband ihn mit modernen Elementen und hatte schon mit Eryka Badu den ersten Star vorzuweisen. Anstatt alles mit clubtauglichen Sound zu pimpen waren die Arrangement bewusst klassisch und machten genug Platz für die großen Emotionen des Interpreten. DÁngelo ist mit “Vodoo” der Marvin Gaye der 00er Jahre und bis heute warten wir auf einen zweiten Geniestreich.

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My Vitriol  – Finelines

(2000)

2009 stand im Zeichen des Shoegaze beeinflussten Alternative Rock. Glasvegas räumten ordentlich ab und schauten uns gleich zweimal innerhalb kurzer Zeit vom NME Cover entgegen. Dabei kloppfte das Shoegaze-Revival mit der Bitte um Einlass schon zum zweiten Mal in diesem Jahrzent an die Tür. My Vitriol waren bereits 2000 bereit uns langsame Gitarrenwände und Bombast zu bringen. Der Überhit Always Your Way hätte in sagenumwobenen gerechten Welt (es muss sie doch geben!) eigentlich rauf und runter gespielt werden müssen. Nach einer umjubelten Supporttour war leider Schluss und nach fast 10 Jahren Abstinenz gibt immerhin wieder vereinzelte Auftritte und die Hoffnung auf ein neues Album. Eines der traurigsten Exempel für das Phänomen Richtiges Album zur falschen Zeit.

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Gry with FM Einheit – Public Recording

(2000)

FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und die dänische Sängerin Gry Bagoien luden im Jahr 2000 zu einer ganz besonderen Aufnahmesession. Das Album Public Recording wurde nicht im Tonstudio eingespielt sondern im Marstalltheater im München. Zu düsterem Trip Hop gesellen sich Musicalelemente, Jazz und elegante Swingmomente, die Assoziationen zu Musik der 20er und 30er Jahre aufkommen lassen. Mit dem Hitjuwel “Princess Crocodile” ist sogar ein astreines Variété Kabinettstück an Bord, das geschickt zwischen Absynth, Champagner und Zyankali oszilliert. Trotz prominenter Gastmusiker und hochkarätiger Hits geriet das Album schnell in Vergessenheit und ist mittlerweile als gepresste Version gar eine Rarität.

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Tarantula A.D. – Book of Sand

(2006)

Postrock muss nicht immer Monotonie bedeuten.  “Book of sand” bedient sich in seinen atmosphärischen Klangkompositionen auf kreative Weise bei avantgardistische Töne aus 30 Jahren Progressive-Rock-Geschichte. Da luken King Crimson kurz um die Ecke, da wird fleißig Univers Zero zitiert und kurzfristig wähnt man sich sogar in düsteren Zeuhl-Landschaften.  Eine eklektische Tour de Force der musikalischen Extreme, die bereits nach einem Album schon wieder beendet war. Die Vorgänger- und Nachfolgeband Priestbird veröffentlichte im Jahr 2007 mit “In your time” zwar ein Nachfolgealbum, dieses hatte aber leider nur relativ gewöhnlichen (aber dennoch gelungenen) Alternativerock mit leichtem Postrockeinschlag zu bieten

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Tortoise & Bonnie Prince Billy – The Brave and the Bold

(2006)

Eine Postrocklegende und ein Songwritergenie kollaborieren und heraus kommt ein unheimlich stimmiges Gesamtkunstwerk, dass weit über Genregrenzen hinausgeht. Mal enervierend und treibend wie im Eröffnungsstück, mal introvertiert, zurückhaltend wie im großartigen Springsteen-Cover “Thunder Road” und in jedem einzelnen Moment berührend und mitreißend. Ein wunderschönes Experiment zwischen Post-Rock, Folk und Indiepop. Es ist wohl der  überhöhten Produktivität Will Oldhams zu verdanken, dass seine damit originellste und experimentiefreudigste Veröffentlichung in der Flut an gelungenen Standard-Songwriteralben  in der Dekade fast vollends verloren ging.

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Noir Desir – Des Visages des figures

(2001)

Äußerst facettenreicher Indierock aus Frankreich, der mit Velvet Underground Einflüssen ebenso spielt wie mit Stooges- und Radioheadversatzstücken. Die einzelnen Songs pendeln immer geschickt zwischen Psychedelic, Schrammelrock und zurückgelehntem Ambiente, ohne jemals die Bodenhaftung zu verlieren. Dank der Blues- und Loungeeinflüsse klingen die Stücke trotz eines teilweise deftigen Progressiveeinschlags nie überladen oder verkitscht sondern immer sonnig und entspannt.

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Castanets – Cathedral

(2004)

Wenn ein Songwriter sich und seine Begleitung nach einem Musikinstrument benennt, kann dies ja nur Programm sein. Die Castanets spielen klassischen Folk, der aber auf höchst originelle Weise durch die Rhythmusarbeit und die Integration verschiedener Instrumente aufgewertet wird, so dass auf dem simplen Folk-Fundament komplexe atmosphärische Gebäude errichtet werden. Mal langsam hypnotisch wie im Opener “Cathedral 2″ mal psychedelich rockend, noisig wie bei “Industry and snow”, mal einfach nur schön wie im Balladenduett “As you do”, schwebt die Musik auf himmlischen Wolken über einer apokalyptischen Soundlandschaft.

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