My so called Life – Reminiszenz an eine Serie (Teil 1)

Nachdem das neue Jahrtausend sein erstes Jahrzehnt sicher hinter sich gebracht hat, und die 70er und 80er Jahre Retrowellen spurlos an seinen Bewohnern vorübergegangen sind, haben auch endlich die Kinder und vor allem Jugendlichen der 90er das Recht ihre ganz eigenen nostalgischen Gefühle auszuleben. Immerhin hatte dieses Jahrzehnt einiges zu bieten, was zum Lachen, staunen aber auch zum Schämen einlädt: Deutschland wird Fußballweltmeister, Kurt Cobain wird vom radikalen Außenseiter zum MTV-Star und nimmt sich kurz darauf das Leben, dumpfe, schnelle Beats und geklonte Melodien beschallen Autoscooter und Liebesparaden und das private Fernsehen erlebt glorreiche Blütezeiten kurz vor seinem schmerzhaften Ausbluten durch die neuen Möglichkeiten des Internets. Gerade in den 90ern wurde die Jugend als Zielgruppe für unzählige TV-Formate entdeckt und entsprechend gefüttert. Dank des MTV/VIVA-Booms öffnete sich die gesamte private (und auch öffentlichrechtliche) TV-Macherriege für die Zahnspangenträger und Marlboro Menthol Raucher.

Und was bescherten sie ihrer Kundschaft? Beverly Hills 90210, Gute Zeiten Schlechte Zeiten, Unter Uns… insbesondere die Soapwelt schien von der Entdeckung der Jugend als Hauptzielgruppe zu profitieren. Wo früher in der Lindenstraße Mutter Beimar über Familienprobleme diskutiert hatte oder in Dallas eine Ölmogulfamilie um Geld und Macht stritt, waren in dieser Zeit mehr denn je junge und noch jüngere Menschen zu sehen, die sich mit den vermeintlichen Alltagsproblemen realer Teenager rumschlugen. Freilich änderte sich trotz dieser Altersverschiebung nicht viel an dem Realitätsgehalt der Seifenoperfamilie: Da gab es nach wie vor gelackte Menschen mit unglaubwürdigen, überzeichneten Problemen, da gab es nach wie vor ein Gut-Böse-Schema, das dem Zuschauer sicheren Halt gewährte, da gab es nach wie vor die Intriganten, die Sunny Boys und natürlich auch die missverstandenen Rebellen, Marke „harte Schale, weicher Kern, glatte Oberfläche“. So sehr die Jugend auch als Zielgruppe entdeckt war, ernst genommen wurde sie nicht, stattdessen vorgeführt, manipuliert und mit stupiden 08/15 Geschichten gefüttert.

Eine erfrischende Ausnahme in diesem TV-Einerlei bildet die Serie „My so called Life“ bzw. „Willkommen im Leben“, wie der angesichts der Handlung fast schon zynisch klingelte Titel in der deutschen Synchronisation heißt. Es ist nicht zu übersehen, dass die Serie im Jahr 1994 gedreht wurde, die Zeit in der der Grunge seine Blüte- und zugleich Endzeit hatte, das Jahr, in dem Kurt Cobain sich das Leben nahm und damit eine ganze Generation verzauberte und traumatisierte. „My so called Life“ spiegelt wie keine andere Serie den Zeitgeist jener Generation wider: Zwischen Melancholie und Aufbegehren, Introvertiertheit und Hedonismus, zwischen dem revolutionären Habitus des Punks, der Auseinandersetzung mit 68er Idealen, der Zersplitterung der Gesellschaft und dem Optimismus der Clinton-Ära.

Die Protagonistin der Serie ist die nachdenkliche, melancholische Angela Chase, verkörpert von der unglaublich intensiv spielenden Claire Danes (damals gerade erst 13 Jahre alt). Angela steckt genau in den Widersprüchen der Generation, die durch ihre beginnende Pubertät verstärkt werden. Sie hat das Gefühl blockiert und verklemmt zu sein, in einer Rolle festzusitzen, in der sie sich nicht mehr wohl fühlt. Die Fluchtmöglichkeit aus dem Leben als brave, angepasste Tochter scheint ihr dabei die extrovertierte und hedonistische Rayanne (A.J. Langer) sowie deren bester Freund, der homosexuelle Ricky (Wilson Cruz) zu bieten. Angela freundet sich mit den beiden an, distanziert sich von ihren Eltern und Freunden aus Kindertagen und stürzt sich in ein neues Leben. Dazu gehört die erwachende Liebe zu dem verträumten Rebellen Jordan (Jared Leto) ebenso wie gefälschte Ausweise, wilde Partys und die Suche nach der eigenen Identität.

Was in der Beschreibung noch nach einem klassischen Coming-Of-Age-Drama klingt, entwickelt sich während im kurzlebigen Verlauf der Serie (leider existiert nur eine Staffel mit gerade mal neunzehn Folgen) zu einem intensiven, nahen und dennoch differenzierten Blick auf die Jugend der 90er. Diese Tatsache ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass die damals erst dreizehnjährige Claire Danes aus rechtlichen Gründen immer nur einen Bruchteil der Drehzeit am Set zur Verfügung stand. Um dieses Problem zu kompensieren, weiteten die Macher die ursprüngliche Idee der Serie aus: Sollte zuvor Angela den Hauptteil der Handlung tragen, so verlagerte sich der Focus während der Produktion auf die verschiedenen Nebenfiguren, wodurch jede Folge ein großes Panorama sowohl des Familien- als auch High School Lebens der 90er bietet. Und gerade darin liegt die eigentliche Stärke der Serie: Keine Figur wird vernachlässigt, jede einzelne Person hat ihre Stärken und Schwächen, ihre ganz eigene Geschichte, ihre Sorgen und Nöte und kann diese auch voll entfalten. Stereotypen sucht man bei „My so called Life“ vergebens.

Deutlich wird dies an den Eltern Angelas, Patty (Bess Armstrong) und Graham (Tom Irwin). Diese werden nicht einfach nur verheizt, um den Generationenkonflikt darzustellen. Stattdessen liefert die Serie immer wieder spannende Einblicke in ihr Seelenleben. Patty, die früher selbst eine High School Schönheit mit vielen Freunden und einem ausschweifenden Leben war, versucht sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass sie älter wird und immer öfter die spießige Mutter und Ehefrau in ihr zum Vorschein kommt. Die Rolle als vermeintlicher Hausdrache schmerzt sie ebenso, wie die sich entwickelnde Distanz zu ihrer Tochter. Erwähnenswert ist, dass die Rolle der Patty in vielen Situationen an die Figur der Carolin aus Sam Mendez American Beauty erinnert. Diese von Anette Benning gespielte Karrierefrau und Mutter weint ebenso dem verlorenen Jugendglück nach und zimmert sich dennoch immer weiter ihren Käfig, der aus Karriere, Anbiederungen und affektiertem Zur-Schau-Stellen von Familienglück besteht. Besonders das geheuchelte, hysterische Lachen und der ständige Versuch, die längst auseinandergedriftete Familie intakt zu halten scheint Anette Benning 1:1 von der Vorlage kopiert zu haben. Doch wo bei „American Beauty“ die Rolle der Mutter durch ihren Habitus zur Karikatur verkommt, bleibt die Patty aus “Willkommen im Leben“ stets glaubwürdig und sympathisch. Sie reflektiert ihre eigene Rolle, bemüht sich – wenn auch nicht immer von Erfolg gekrönt – ihre eigenen Schwächen zu überwinden und schafft es schließlich sogar, Angela wieder näher zu kommen. Auch Ehemann Graham ist angenehm ambivalent und sympathisch gezeichnet. Der ehemalige High School Außenseiter kämpft immer wieder mit seiner Rolle als Angestellter seiner Frau, später als Arbeitsloser und schließlich als ausgezeichneter Koch, der ein eigenes Restaurant eröffnen will. Diese spannungsvolle Dreierkombination (ergänzt durch Angelas jüngere Schwester Danielle) zeichnet ein ambivalentes und berührendes Bild der durchschnittlichen amerikanischen Familie, ohne jemals in Klischees abzurutschen.

Zur richtigen Stärke läuft „My so called Life“ aber erst in der Etablierung des Mikrokosmos High School auf. Ja, hier gibt es durchaus Prototypen zu sehen, diese werden aber immer im richtigen Moment aufgebrochen, um ungeahnte Stärken und Schwächen zu offenbaren. Angela selbst, deren nachdenkliche Persönlichkeit selbstverständlich als Identifikationsfigur für alle weiblichen Zuschauer dienen soll, bildet da keine Ausnahme. So reflektiert sie auch ist, so leicht verfällt sie in das typisch, irrationale Verhalten eines Teenagers. Ihr Schwärmen für Jordan Catalano blendet alles aus, was ihrem Idealbild von ihm im Wege steht. Sie verhält sich abweisend gegenüber ihrer früheren besten Freundin Sharon (Devon Odessa), lässt sich auf dumme und gefährliche Spiele ein und verhält sich mitunter keineswegs wie ein Sympathieträger. Die vermeintlich angepasste Sharon dagegen entwickelt im Laufe der Serie eine souveräne und interessante Persönlichkeit. Sie versucht das Leben auf ihre Weise zu genießen, offenbart dabei eine ausgesprochen ausgeprägte Libido und ein ständiges Oszillieren zwischen jugendlicher Unsicherheit und erstaunlich erwachsener Souveränität. Der in Angela verliebte Außenseiter und Streber Brian (hervorragend gespielt von Devon Gummershall) scheint zu Beginn die perfekte Identifikationsfigur für alle intelligenten, am Rande stehenden Schüler zu sein. Nach und nach jedoch werden seine Schwächen und unangenehmen Charakterzüge deutlich. Er ist ein Soziopath und Egoist, zieht sich in seine Arbeit zurück und beweist immer wieder eine erschreckende Gefühlskälte, wenn es um die Sorgen und Nöte seiner Altersgenossen geht. Trotzdem leidet man als Zuschauer still mit, wenn seine hoffnungslosen Annäherungsversuche an die ehemalige Kindheitsfreundin Angela fehl schlagen und wenn jeder Versuch sich zu integrieren teils durch eigenes Ungeschick, teils durch das starre System der High Scholl boykottiert wird.
Besondere Erwähnung verdient jedoch der von Wilson Cruz hervorragend gespielte Ricky Vasquez. Der homosexuelle, exzentrisch gekleidete Hispanic dürfte wohl zu den sympathischsten Serienfiguren aller Zeiten gehören. Ricky ist einerseits ein unglücklicher Jugendlicher, der verzweifelt nach sich selbst sucht und mit der eigenen Sexualität nicht im Reinen ist. Zugleich ist er ein fürsorglicher, fast schon väterlicher junger Mann, der sich aufopferungsvoll um die alkoholabhängige Rayanne, später auch um die am Boden zerstörte Angela kümmert. In den komplizierten Beziehungsgeflechten der Schule beweist er immer wieder erstaunlichen Überblick. Er freundet sich mit Brian an, unterstützt Angela in ihrer Selbstfindung und entwickelt sich dank der Hilfe seines Lehrers zu einer souveränen Persönlichkeit. Ricky ist fast so etwas wie das Herz der Serie, ohne jedoch einfach nur die helfende Hand zu sein. Gerade im Mittelteil der ersten Staffel bietet seine Geschichte eine Menge Stoff an kontroversen, realistisch dargestellten Motiven: Er wird zu Hause geschlagen, landet schließlich auf der Straße und schafft es dennoch sich immer wieder aufzuraffen. Nebenbei kommt regelmäßig seine aufopferungsvolle Hingabe an Rayanne zum Tragen, für die er sich über alle Maßen verantwortlich fühlt.
Auch Rayanne selbst ist eine ambivalente Person. Zu Beginn als Lebefrau und Hedonistin etabliert, entwickelt sich ihre Rolle zu einem differenziert gezeichneten Bild, der verzweifelt suchenden Jugend. Sie ist alkoholabhängig, stürzt sich in zahlreiche Sexabenteuer und ist dennoch äußerst sensibel und hilfebedürftig.
Neben diesen Hauptcharakteren sind es vor allem die Nebenrollen, die zu begeistern wissen. Egal ob es sich um den engagierten Englischlehrer handelt, Angelas unsteten Onkel, die junge und altkluge Danielle, den autoritären Direktor oder die verschiedenen High School Cliquen. Im Gegensatz zu anderen Serien bedienen diese keine Klischees, werden immer wieder aufgebrochen und variiert und lassen dadurch den Mikrokosmos Schule lebendig werden.

Teil 2 der Reminiszenz (Motive, Themen, einzelne Episoden) in Kürze…

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