Dissensions à trois – Tocotronic "Schall und Wahn" im Redaktions-Dreikampf

Ein Album, drei Meinungen: Von schlecht über sehr gut bis hin zu mittelmäßig. Am neuen Tocotronic-Album “Schall und Wahn” scheiden sich auch die Geister der Seite360-Redaktion und so stürzen sich Rinko Heidrich, Florian Bayer und Johannes Schramm in die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über den jüngsten Sprössling der Hamburger Schule…

Aus dem Hamburger Probe-Keller hinein in das schnieke und hippe Berlin.  So in etwa kann man den Weg von den frühen Punk Tagen hin zu romantischen Metaphern und ausgefeilter Produktion beschreiben. Wo das weiße Album noch der spannende Einzug in eine WG in der Weltstadt war und alles noch bunt, gefährlich und groß wirkte, scheint bei den Ex-Hamburger nun nach drei ähnlich klingenden Alben in Folge eine Stagnation und Ruhe eingetreten zu sein, die keine wirkliche Inspiration für große Songs zuläßt. Auf Schall & Wahn ist eindeutig zu viel Leerlauf, zu viel Selbstplagiat und eine glatte Produktion lässt auch schnellere Nummern wie “Bitte oszillieren sie” erfolgreich gegen die Gitarrenwand sausen. Natürlich wurde auch schon bei “Tocotronic” die alte 70er Tapete mit schöner weißer Deckfarbe übermalt, allerdings mit großartigen David Bowie Gemälden beschmückt und die Wohnung noch nicht mit allerlei überflüssigen Dekomöbel überfrachtet. Dieses Album klingt wie Midlife Crisis und ständig um sich selbst drehende Sinnkrise gelangweilter Großstädter. Sollte das Album wirklich den Abschluss der Berliner Trilogie darstellen, kann man nur auf ein baldiges Ende dieser langweiligen Bequemlichkeit hoffen, die sich bei Tocotronic eingeschlichen hat.

6/10

Rinko Heidrich

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Vom Kampf der Straße zum Kampf im Inneren. So oder so ähnlich  lässt sich Tocotronics Entwicklung der letzten zehn Jahre perfekt auf den Punkt bringen. Die Botschaft nach außen ist der Botschaft nach innen gewichen, freilich ohne ihre eigenen Prophetismus und ihre Parolenhaftigkeit einzubüßen. Ganz im Gegenteil. Bewegte sich der Krach früherer Tage auf einer linkspolitischen Konsensebene, so haben sich Tocotronic auf ihren im Nachhinein zur Trilogie erklärten Berlin-Alben von jeglichem Konsens verabschiedet. Es wird nicht geschrammelt, es wird nicht gerockt und lyrisch wird jedem optimistischen Kampfgeist Paroli geboten. Wo sich die letzte Kapitulation vollkommen jeglicher Siegesgewissheit entzog und dabei brachial den eigenen Misserfolg feierte, so wird dieser nun erneut in Zweifel gezogen. Reverse-Irony natürlich, oder reversereverseirony oder gleich nochmal verdoppelt und ins Paradoxe gezogen. Wo bei Tocotronic der Sarkasmus anfängt, wo das eigene Sendungsbewusstsein persifliert und wo Ironie mit Gegenironie ausgekontert wird, ist schon lange nicht mehr offensichtlich. “Im Zweifel für den Zweifel” eben, und das ganze am Besten mit mehrfach doppeltem Boden und Selbstwiderspruch bis zur Selbstauflösung.  Dass diese konsequente Verweigerungshaltung gegen Trends und Antitrends, Kultur und Gegenkultur selbst zum Trend wird ist tragische Ironie und bittere Konsequenz zugleich. Tocotronic treiben das Spiel um Betrug und Selbstbetrug auf die Spitze, kreieren dabei locker flockige Antipop-Hymnen, die perfekt sitzende Ohrwürmer sind, schunkeln sich in oszilierenden Polkarhythmen und stürmen das Schloss im pathetischen Noisegewitter. Das ist Pop erster Güte, egal wie lange er schreit, dass er kein Pop sein will. Das ist trendy, hipp, äußerst schick und konsequent inkonsequent. Auch auf dem mittlerweile dritten Album – vielleicht nicht mehr ganz so originell klingend wie auf den Vorgängern, – aber immer noch unvergleichlich unterhaltend und mitreißend. Der erfolglose Kampf gegen die eigene Gelangweiltheit… reflektiert, ironisiert, persifliert und letzten Endes resignierend. Vielleicht gerade in dieser verdoppelt affirmativen Antihaltung die konsequenteste Form von Pop, die man sich vorstellen kann.

8/10

Florian Bayer

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„Wer zu viel selber macht / wird schließlich dumm / ausgenommen Selbstbefriedigung“ singt Dirk von Lowtzow in der ersten Single „Macht es nicht selbst“ und klingt dabei nicht nur textlich so als wäre Farin Urlaub gerade im Tonstudio, um Rock ´N` Roll Sozialpädagogen-Seminar aufzunehmen. Eine Neuheit ist das im Tocotronic-Universum aber nicht, waren die Texte doch immer wieder mal mehr Kitsch als Kunst und mehr Wichtigtuerei als Feingeist. Wo bisher aber interessante Melodien und Arrangements den Rahmen bildeten, ergibt sich „Schall und Wahn“ (mit Ausnahme von „Eure Liebe tötet mich“) in gepflegter Langeweile. Und darum sind es am Ende auch nicht Melodien, die im Gedächtnis haften bleiben, sondern Textfetzen, bei denen man sich einmal mehr wundert, warum die Band ausgerechnet dafür so viel Wertschätzung erhalten hat. So könnte „Die Folter endet nie“ in ihrer selbstgefälligen und bedeutungsschwangeren Art glatt die musikalische Umsetzung des „Literarischen Quartetts“ sein. Immerhin findet sich mit „Keine Meisterwerke mehr“ gleich der Schlüssel zum neuesten Werk der Hamburger in Liedform auf „Schall und Wahn“ wieder: „Und aus tausenden Gerüchten / werden wir die Zweifelshefe züchten / die uns alle nährt / Dann gibt es  / Keine Meisterwerke mehr“. Das ist geglückt. Durchaus. Prost.

4/10

Johannes Schramm