The Life after Rock – Drei aktuelle Postrock-Veröffentlichungen unter der Lupe

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, The Unwinding Hours,  Collapse Under The Empire. Drei Bands, die alle auf ihre ganz eigene Weise das Label Post-Rock bedienen und unterschiedlicher nicht sein könnten…

Kaum einer musikalischen Stilrichtung wurde in den letzten Jahren so oft der Tod attestiert wie dem Postrock. Die Gleichsetzung des relativ jungen Genres mit Innovationslosigkeit, Stagnation und Redundanz ist schon beinahe zu einer pathologischen Erscheinung in Indiemusikkreisen geworden. Dabei ist es gerade diese – immer noch nicht klar definierte, in ihre Grenzen immer noch nicht genau abgesteckte – Gattung, die nach wie vor viele Innovationen, Variationen und letzten Endes einfach spannende Musik zu bieten hat. Dass die Gleichung, Postrock = Immer wieder gleiche, langsame Instrumentalsoundlandschaften nicht aufgeht, beweisen die neuen Alben von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra und The unwinding hours, während das junge Duo Collapse Under The Empire Futter für Fans des traditionellen Post-Rocks liefert..

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps tradixionales

(Constellation: 5.2.2010)

Schon lange sind „A silver Mt. Zion“ (mit ständig variierendem Namen, mal als Orchester mal mit Tralalala-Band) nicht mehr nur das Nebenprojekt zu den Postrocklegenden „Godspeed You! Black Emperor“. Dank ihrer punkig, anarchischen Ausrichtung und dem schrägen Gesang vom Bandgründer Efrim Menuck hat sich die kanadische Bigband vom Sideproject zum geschätzten und geliebten Klangkollektiv entwickelt. Kollaps tradixionales macht scheinbar da weiter wo der kongeniale Vorgänger „13 Blues for 13 Moons“ endete. „There is a light“ beginnt als sanfte Punkballade um sich in seiner fünfzehnminütigen Spielzeit langsam zum gigantischen Epos zu entwickeln. Streicher werden sanft angedeutet, Gitarren fliegen über den dichten Soundnebel und brechen kurz darauf aus, um einen eigenen, wunderschönen Klangkosmos zu generieren. Dazwischen säuselt, hetzt und keift sich Efrim Menucks eigenwillige Stimme ihren Weg, um sich immer wieder mit den berauschenden Klängen der anderen Instrumente zu verbinden.

Aber auch im Jahre 2010 bleiben „A silver Mt. Zion“ nicht stehen. Ähnlich wie in den vorangegangenen Veröffentlichungen sind es nicht allein epische Klanglandschaften, die in dem Postrockungetüm schlummern. So dürfen die beiden „Metal Bird“-Stücke die Zions von ihrer rohen, rauen und scharfkantigen Seite zeigen. Mächtige Riffgewitter, nach vorne peitschende Geigen und ein rotzig herausgeschrieenes „Dance Motherfucker“ sind die Ingredienzien für eine deftige Mischung aus Punkrock, Metal und symphonischem Klangkosmos. Das dreiteilige Titelstück hingegen taucht in tiefste Melancholie hinab und erinnert mit seiner verträumten Melodieverliebtheit zwischenzeitlich – wenn auch nur ganz kurz – gar an nostalgischen Schlager, der von einem Roy Orbison stammen könnte.

Es gibt viel zu entdecken auf „Kollaps tradixionales“. Außerirdisch, verzerrte Songkobolde, düstere Soundmonster, komplexe, verfrickelte Progressive-Rock-Drachen und natürlich auch magische, imposante Postrocklandschaften. Die immer wieder eingestreuten Klassik-, Folk-, Punk- und Metalzitate sorgen dafür, Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestras zu einem Klangerlebnis werden zu lassen, dass nicht so schnell vergessen ist. Ein Album, das zum mehrmaligen und genauen Zuhören geradezu auffordert und trotz aller Vertracktheit nach diesem Trip seine ganz eigene, wundervolle Schönheit findet. Eine bessere Melange könnten Post-Rock, Progressive Rock und Avantgarde nicht eingehen.

The Unwinding Hours – The Unwinding Hours

(Rough Trade: 12.2.2010)

Das Ende Aereogrammes gehört mit Sicherheit zu den traurigsten Ereignissen der letzten musikalischen Jahre. Für eine Dekade, drei Alben, mehrere EPs und eine spannende Kollaboration mit den Dronern Isis galt die schottische Band als Garant für interessanten und mitreißenden Post-Rock weitab von gängigen Klischees. Nach ihrer Auflösung schienen sie eine große Lücke in der alternativen Musik-Landschaft zu hinterlassen, die keine andere Band richtig füllen konnte und wollte. Dementsprechend war die Freude Groß, als Sänger Craig B. und Gitarrist Iain Cook mit „The Unwinding Hours“ nicht nur eine inoffizielle Nachfolgeband gründeten, sondern mit dem selbstbetitelten Debüt auch gleich ein Album kreiert haben, dass den Verlust einer der spannendsten Bands der letzten Dekade auf überzeugende Weise kompensiert.

Denn tatsächlich setzt „The Unwinding Hours“ dort an, wo das Abschiedsalbum Aereogrammes „My heart has a wish that you would not go“ aufgehört hat. Der zurückhaltende, introvertierte Silberling steckt voller kleiner Songperlen und oszilliert geschickt zwischen schüchternen Balladen, düsteren Hymnen und orchestralen Epen. So sehr die Instrumentierung an Post-Rock á la Godspeed You! Black Emperor, Explosions in the sky oder Mogwai erinnert, so sehr heben sich „The unwinding hours“ auch von ihren Genrekollegen ab. Craigs B. fragile, androgyne Stimme ist omnipräsent in den schwelgenden Soundlandschaften. Schönheit, Schmerz und Aufbegehren treffen aufeinander, wenn der vielseitige Sänger seine hervorragenden Lyrics in die epischen und dichten Instrumentalgewässer eintauchen lässt. Mitunter klingt dies dann wie bei der Semiballade „Annie Jane“ wie ein Kampf der sensiblen Stimme gegen die Macht des Instruments. In anderen Stücken wiederum wie dem famosen Opener „Knut“ scheint die Sprache selbst zum tragenden Streichinstrument zu werden, die sich zusammen mit dem restlichen Instrumentarium sachte in emotionale Höhen hochschaukelt, bis sie schließlich ganz oben bei himmelhochjauchzendem Pathos ankommen. Das verspricht wie schon bei klassischen Aereogramme-Stücken eine angenehm prickelnde Gänsehaut und berauschtes Herzklopfen.

Wie früher wird der Post-Rock-Klangkosmos auch hier immer wieder aufgebrochen. Doch statt bei Noise und Metal – der bei den ältesten Aereogramme Scheiben immer eine gewichte Rolle spielte – bedienen sich die Kreationen von „The Unwinding hours“ lieber bei Folk und entspanntem Ambiente. Das gibt dem Album eine ungeheure frische und auch lockere Note. Der darin einfließende Pathos wirkt so niemals prätentiös, aufgesetzt oder kitschig sondern verbindet sich gekonnt mit den leichtfüßigen und verträumten Klängen.

Und trotz fehlender Härte, trotz fehlendem Gekreische und trotz fehlender Metalaxt knistert und brodelt es nach wie vor im Hintergrund. Das hintergründig Bedrohliche und Bissige wird insbesondere in dem düsteren Duo „Peaceful Liquid Shell“ und „Child“ bis aufs äußerste getrieben, um im eruptiven Hymnischen auszubrechen. Hinter jedem harmonischen Klingen, hinter jedem treibenden Beat steck etwas Unbekanntes, Ungenanntes am Inneren Zehrendes. Das macht Aereogramme „The Unwinding Hours“ auch anno 2010 ungemein spannend, ambivalent und vieldeutig. Popappeal, Post-Rock-Kosmos und unterdrückte Wut kämpfen gegeneinander, fließen ineinander, bekämpfen, verzehren und verbünden sich und lassen prächtige, mitreißende und fesselnde Welten vor dem geistigen Auge des paralysierten Zuhörers entstehen. Auch in der wiedergeborenen Form als „The Unwinding Hours“ stehen Aereogramme für ergreifende, bewegende Musik nach und hinter dem Rock und über den Post-Rock hinaus.

Collapse under the Empire – Find a place to be safe

(Cargo Records: 15.1.2010)

Im Gegensatz zu den anderen beiden Veröffentlichungen ist “Find a place to be safe” Post-Rock der alten Schule. Das Duo Collaps under the empire spielt einen dichten Wall of sound, der durch mächtige Drums und Gitarrenteppiche dominiert wird. Dabei verlieren sich die beiden doch allzu oft in orchestralem Moll, der dank der zusätzlichen elektronischen Einsprengsel mitunter gar in Gothrock -oder Metal-Regionen eintaucht (Tranquility). Ebenso steht bei dem sicheren Platz immer die Freude an der eingängigen Melodie im Mittelpunkt. Auch wenn, wie im Titelstück, vertrackte Tempi- und Taktwechsel auf den Hörer einprallen und Assoziationen zu 90er Jahre Progressivemetal wecken, bleiben die einzelnen Kompositionen immer recht stringent und mitunter sogar hittauglich.

Die dichten und schwermütigen Gitarrenlandschaften scheuen sich auch nicht davor fast tanzbar zu sein, insbesondere wenn sie wie z.B. Decay oder „A smell of boiled greens“mit Darkwave-Versatzstücken spielen, ohne allerdings ihr orchestrales Gewand aufzugeben. Konsequenterweise sind „Collapse under the empire“ als traditionellste Band auch die einzige der drei, die komplett auf Gesang verzichtet. Stattdessen werden episch dichte, aber kompakt auf den Punkt gebrachte Instrumentalmonumente geliefert, die sich irgendwo zwischen Mogwai und früheren „Polarkreis 18“ bewegen, manchmal nah am Kitsch und übertriebenem Pathos balancieren, sich aber immer im richtigen Moment wieder in abwechslungsreicher Verspieltheit fangen.

Das ist zwar nicht sonderlich originell aber immer abwechslungsreich genug, um die volle Spielzeit unterhalten zu können. Einzig das etwas ungelenk eingesetzte, manches mal penetrante Piano kann gelegentlich an den Nerven zerren und die ansonsten gediegene Atmosphäre zerstören. Aber alles in allem spielen „Collapse under the fire“ soliden, wenn auch nicht überragenden Post-Rock dem insbesondere Fans von Mono oder Mogwai ihr Gehör schenken sollten.

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