Der Lebensretter im Roggen – Zum Tode Jerome David Salingers

What really knocks me out is a book that, when you’re all done reading it, you wish the author that wrote it was a terrific friend of yours and you could call him up on the phone whenever you felt like it.

(Holden Caulfield)

Am 27. Januar 2010 ist Jerome David Salinger im Alter von 91 Jahren gestorben. Für einen Mann, der gerade mal einen Roman publiziert und nur 35 Kurzgeschichten veröffentlicht hat, der sich nach dem Welterfolg „Der Fänger im Roggen“ aus dem gesellschaftlichen und literarischen Leben praktisch komplett zurückgezogen hat, ist die Liste an Kondolenzen und Nachrufen in den letzten Tagen ungewöhnlich lang geworden. Scheinbar… Denn trotz des kleinen Oeuvres gilt J.D. Salinger als meistgelesener und meistbesprochener amerikanischer Autor der Nachkriegszeit. Und das liegt selbstverständlich am „Catcher in the rye“, an dieser legendär gewordenen jugendlichen Seelenschau. Ein Roman, der zu seiner Erscheinungszeit 1951 viel Häme und Kritik ausgesetzt war, der in einigen Ländern gar verboten wurde und es dennoch zu Weltruhm und zur festen Verankerung im literarischen Kanon der Gegenwartsliteratur geschafft hat.

Aber was ist dran an diesem Buch, an diesen nicht einmal 300 Seiten, die dem Verfasser einen derartigen Ruhm bescherten? „Der Fänger im Roggen“ ist das Porträt eines Jugendlichen, wie es in der Zeit davor und auch während seiner Veröffentlichung nicht wenige gab. Robert Musil beschrieb bereits 1906 in seinem „Die Verwirrungen des Zögling Törless“ die Schwierigkeiten und Herausforderungen des jugendlichen, sozialen, mentalen und sexuellen Reifeprozesses. Im selben Jahr versuchte auch Hermann Hesse sich in „Unterm Rad“ an einer pubertären Seelenschau. Im englischen Sprachraum gab es bereits im Jahre 1944 mit A.J. Cronins „The green Years“ eine introspektive Sicht der Adoleszenz zu bestaunen und im Jahre 1951 erschien ebenfalls „The Resemblance Between a Violin and a Coffin“, in dem sich Tennessee Williams ausgiebig mit den Sorgen und Nöten Heranwachsender beschäftigte.

Was Salingers Roman von seinen Vorgängern und auch Nachfolgern abhebt, ist die bedingungslose Authentizität, mit der er seinen jugendlichen Protagonisten darstellt. Als er mit der Arbeit an „The catcher in the rye“ in den frühen 40ern begann, war er 21 Jahre alt. Alt genug, um das Geschehen mit einer gewissen reifen Distanz zu betrachten, aber auch und insbesondere jung genug, um die bestmögliche Empathie und auch Sympathie für seinen Titelhelden aufzubringen. Der von Salinger entworfene Teenager Holden Caulfield steckt voller Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten. Er geißelt die fehlende Authentizität der Erwachsenenwelt und stellt sich gleichzeitig immer wieder selbst als Lügner und Hochstapler dar. Er will das Leben packen, wo es geschieht, weiß allerdings nicht, wie er das bewerkstelligen soll. Er ist hedonistisch und gelangweilt, verklemmt und gnadenlos offen, nachdenklich, introvertiert, schüchtern und zugleich wütend und rebellisch, altklug, arrogant, moralistisch und zugleich naiv, infantil und albern. Salinger gelang mit seinem Protagonisten etwas, was den meisten Adoleszenzromanen abgeht. Er schuf eine Figur, mit der sich Teenager tatsächlich identifizieren können, er erzählte um diesen Teenager eine Geschichte, die authentisch und nah an der Realität ist, ohne sich jemals beim jugendlichen Leser anzubiedern oder sich über diesen lächerlich zu machen.

Authentizität ist und bleibt das magische Wort, das einem aus jeder Seite des berühmten Romans entgegenspringt. Erzählt wird das jugendliche Leben, ohne Feinschliff und ohne Schönfärberei oder Schwarzmalerei. Der Weg Holden Caufields ist kein stringenter, die Geschichte selbst verläuft dementsprechend konfus, mitunter fast willkürlich scheinend. Ein Ziel ist nicht klar auszumachen, geschweige denn eine eindeutige Motivation. Immer werden die Geschehnisse des rastlosen und zugleich unbewegten Alltag Holdens unterbrochen von banalen, tiefgründigen oder auch wirren Gedanken und Plänen. Manchmal scheinen weder Autor noch erzählender Protagonist genau zu wissen, wie es denn nun weitergehen soll, was sie auf ihrer unsteten Reise nur noch sympathischer werden lässt: Da wird auch mal trotz knapper Kasse zwei Nonnen großzügig ein beachtlicher Geldbetrag gespendet, da wird spontan ohne vorherige Planung eine Prostituierte besucht und da wird bis spät in die Nacht hinein mit der kleinen Schwester getanzt und gespielt. Salinger erzählt diese Ereignisse konsequent aus Holdens Ich-Perspektive, scheut sich auch nicht davor dessen vulgären Ausdruck, sprachliche Unsicherheiten und teilweise arroganten Habitus zu übernehmen. Auch das böse F-Wort darf und muss natürlich in diesem Erzählfluss fallen, ebenso wie manch anderer vulgärer und blasphemischer Fluch (was einen erheblichen Teil dazu beitrug, das Buch immer wieder ins Visier amerikanischer Sittenwächter geraten zu lassen). Gerade auch dank dieser narrativen Konsequenz bleibt „Der Fänger im Roggen“ als authentisches Jugendbuch lange in Erinnerung.

Diese Ehre teilt es mit wenigen anderen ausgewählten Werken. Denn so sehr die gelungensten Vertreter der Gattung Jugendbuch auch Generationen zu prägen wissen, so selten gehen sie über die Wirkkraft bei einer bestimmten Generation hinaus. Der junge Werther beispielsweise erlang Ruhm bei den jungen Genies und Romantikern zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nur um dann als Schullektürenklassiker ganz allmählich zum Hassobjekt kommender Generationen zu werden. Hermann Hesses Steppenwolf gelang es immerhin das Wirkungsfeld seiner Generation – die der Kriegsheimkehrer und Weimarer Jugend – zu überschreiten und bei den 68ern und Hippies ein gelungenes Comeback zu feiern. Aber tatsächlich kein anderes Buch hat bis dato derart epochen- und generationenübergreifend so viele Jugendliche geprägt und begeistert wie „Der Fänger im Roggen“. Die Referenzen, Hommagen und Reminiszenzen reichen bis in unsere heutige Zeit, finden sich in Filmen, Musik, Hoch- und Popkultur wider. Der DDR-Autor Ulrich Plenzdorf ging in seinem 70er Jahre Drama „Die neuen Leiden des jungen W.“ sogar so weit, Salingers Roman in das Gefecht mit Goethes Werther zu schicken. Dort heißt es dann:

Dieser Salinger ist ein edler Kerl. Wie er da in diesem nassen New York rumkraucht und nicht nach Hause kann, weil er von dieser Schule abgehauen ist, wo sie ihn sowieso exen wollten, das ging mir immer ungeheuer an die Nieren. Und nach einem wenig schmeichelhaften Vergleich der nutzlosen Schullektüre „Die leiden des jungen Werther“ mit Salingers Roman, wird Goethes Werk kurzerhand zum Toilettenpapier umfunktioniert.

Es sind Bilder wie dieses, die die ungeheure generationenübergreifende Wirkung Salingers deutlich machen. Diese ließ sich auch nicht durch Kanonisierung des Fängers bis hin zum Schulstoff ausbremsen. Ganz im Gegenteil: Auch heute noch taucht „A catcher in the rye“ regelmäßig an erster Stelle in Best-Of-Adoleszenzroman-Listen auf, wird immer noch sowohl von Jugendlichen als auch Erwachsenen geschätzt, wenn es darum geht, die Freuden und Wirren der Pubertät nachzuvollziehen. Dass Salinger nach „Der Fänger im Roggen“ nicht mehr viel veröffentlichte? Geschenkt. Dass er sich seit 1965 komplett aus dem literarischen und gesellschaftlichen Leben zurückzog? Unwichtig. Womöglich hätte der literarische Einzelgänger und Einsiedler seine (posthume) „Reduzierung“ auf das eine Werk sogar gut geheißen. Vielleicht hat er sich sogar genau nach jener einzigartigen, unendlich wichtigen Aufgabe gesehnt. Jedenfalls wenn man der zentralen Stelle in dem unvergessenen Werk folgt. Dort sagt Holden:

„Anyway, I keep picturing all these little kids playing some game in this big field of rye and all. Thousands of little kids, and nobody’s around — nobody big, I mean — except me. And I’m standing on the edge of some crazy cliff. What I have to do, I have to catch everybody if they start to go over the cliff — I mean if they’re running and they don’t look where they’re going I have to come out from somewhere and catch them. That’s all I’d do all day. I’d just be the catcher in the rye and all. I know it’s crazy, but that’s the only thing I’d really like to be. I know it’s crazy.“

Möglicherweise ist Salinger genau dies gelungen. Einsam aber fest steht er mit seinem Werk in der Hand an der Klippe zum Roggenfeld. Tausende Jugendliche, die in Gefahr sind die Klippen hinunterzustürzen werden vom Fänger im Roggen aufgehalten und gerettet. Möglicherweise war es diese eine Aufgabe, die nicht nur den Protagonisten und Erzähler des Romans sondern auch Salinger selbst antrieb. Wenn es so ist, so ist ihm dies mit Bravour gelungen. Jerome David Salinger ist tot. Als Fänger, Helfer und Lebensretter im Roggen wird er weiterleben.

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