Kulturhauptstadt Ruhr 2010 – Aufbau West

Ein Geo-Spezial zum Ruhrgebiet. Das klingt seltsam und irgendwie unpassend. Eigentlich wie Currywurst mit Bechamel-Sauce und dazu ein Sauvignon Blanc. Das Kulturjahr 2010 trägt wirklich seltsame Blüten und Grönemeyer wurde auch extra aus seinem Londoner Exil eingeflogen, damit er seinen Beitrag zum Eröffnungsfest in der Zeche Zollverein einsingen kann. Die Reden der Organisatoren und Unterstützer sind natürlich hellauf begeistert und werfen mit Begriffen wie “Riesenchance” und “Wandel” um sich. Lob gibt es auch nicht  zu knapp, das Wahlvolk muss ja bei Laune gehalten werden. Plötzlich ist der Sitzenbleiber aus der letzten Reihe der große  Star beim Schulfest.

Sehr auffällig trotzdem, wie wenig die Menschen selber im Mittelpunkt des ganzen inszenierten Spektakels stehen. Das Klischee vom  Plattenbau-Bewohner, die sich auffällig häufig in Talkshows oder bei Frauentausch bekriegen, sind wohl eher kontraproduktiv für das Image der Kulturhauptstadt. Nach 8 Jahren Eingewöhnungsphase im Pott kann ich zumindest zu dem Punkt ergänzend erläutern: So schlimm ist es nicht. Die Leute sind – typisch westfälisch – stur, bodenständig und ein wenig dröge, die Offenheit gegenüber Zugezogenen aber tatsächlich kein lokalpatriotisches Lippenbekentnis. Wo man in Baden- Würtemberg – ich rede hier aus Erfahrung – eigentlich trotz Willen zur Antizipation immer der Fremde bleibt wird hier erst gar kein Aufheben um die Herkunft oder Nationalität gemacht.  Grund dürfte sicherlich die Industriegeschichte des Potts sein, wo Türken neben Deutschen, Schwabe neben Ruhrpöttler arbeiten. Wer letztendlich wortwörtlich die Kohlen aus dem Feuer holt war und ist zweitrangig.

“Das Ruhrgebiet ist das New York Europas, es weiß es nur noch nicht” frohlockt Claus Peymann,  Chef des Berliner Ensemble. Die Ruhrpöttler allerdings frohlocken nicht und seien wir ganz ehrlich: Es interessiert sie überwiegend auch nicht sonderlich. In kaum einer Ruhrpottstadt hat sich eine kulturelle Bourgousie gebildet, der Reiz ist angesichts eines kulturdesinteressierten Publikums auch sehr gering. Duisburg hat knapp 600.000 Einwohner, das Cafe Steinbruch – neben dem Hundertmeister die einzige Anlaufstelle für eine alternative Szene –  fasst gerade ca.  200 Konzertbesucher. Weitaus größer ist das Delta-Musikpark, einer dieser Techno-Großtempel mit angesoffenen Testeron-Dorftypen und Mädels mit zu viel Make-Up im Gesicht. Nicht Tomte, The Notwist oder Tocotronic sind im Pott die Stars der Club-Szene, sondern Mallorcas singende Prinzengarde. Der Wendler, Mickie Krause und andere Schauergestalten des Unterschichten -Schlager teilen das Gebiet unter sich auf. Zu Konzerten des W. kommen sogar 14.000 Besucher,  wohlgemerkt in die Oberhausener Arena, die sonst nur die Foo Fighters, Metallica oder Depeche Mode bis auf den letzten Platz ausfüllen können. Für größere  Konzerte aufstrebender Newcomer aus England oder Amerika muss man nach Köln oder Düsseldorf fahren. Für Provinzbewohner selbstverständlich, für einen Ballungsraum unfassbar peinlich.

Auch Berlin und Hamburg sind nicht unbedingt Meisterwerke moderner Stadtarchitektur,  der Drang  und Wille ihrer Einwohner  nach stetigen Wandel ist dort aber jederzeit erkennbar. Im Pott is et wie et eben is und soll sich auch so schnell nicht ändern. Beleidigter Arbeiterklassen-Stolz trifft auf übereifrige Reformatoren, die mind 10 Jahre zu früh das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt präsentieren wollen. Gerade das “von oben” verordnete Kulturbekentniss zu Region dürfte hier – man verzeihe mir den Wortwitz –  auf Beton stoßen,  in einer Region die selber allzu gerne ihre Lethargie in ihrem angeblichen Loser- und Assitum abfeiert. Kultur dat is Oberschichten-Kram. Malocher-Mentalität aus Opas Zeiten in einer Region, die kaum noch Maloche unter Tage anbietet. Arbeitslosigkeit bei teilweise 20 %  ist sicherlich nicht gerade der Nährboden für kulturelles Wachstum; aber ist nicht auch Berlin arm aber sexy?

Es liegt nun an den jungen Leute, sich gegen diesen muffige Image der Eltern-Generation zu stellen und mit  längst überholten Traditionen zu brechen. Loser ist nur, wer sich selber zum Loser macht. Es liegt nicht in der Hand von Politikern, die sich nach dem Kulturjahr nie wieder sehen lassen oder den ewig gleich aussehenden Glasbauten von Starachitekten wie Norman Forster, die überall in die Innenstädte gewuchtet werden, sondern in dem größten Kapital des Ruhrgebiets: Die 5 Millionen Menschen, welche aus ihrem Tiefschlaf gerissen und sich selber eine Perspektive erschaffen müssen. Potential und Kulturjahr sind schon da, der Pott leider noch nicht.

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