Introducing… Kazuki Tomokawa

Seit 1970 ist der „Schreiende Philosoph“ Kazuki Tomokawa ein nicht wegzudenkender Bestandteil der japanischen Musikszene. Trotzdem kann die Rezeption des Dichters und Folksängers außerhalb Asiens nur als mangelhaft bezeichnet werden. Obwohl seine Discographie mittlerweile über zwanzig Veröffentlichungen umfasst und sowohl Albennamen als auch Songtexte ins Englische übersetzt wurden, blieb dem Poeten bisher ein größerer Erfolg in Übersee verwehrt.

Kazuki Tomokawa, der mit richtigem Namen Tenji Nozoki heißt, spielt eine eigensinnige Mischung aus Songwriterpoesie und bissigem Antifolk. Inspiriert von Bob Dylan und anderen großen Dichtern begann er in den 70er Jahren seine selbstgeschriebenen Gedichte zu vertonen. Dabei verließ er sich nicht nur auf sein spartanisches Gitarrenspiel sondern brachte unzählige verschiedene Stilistiken und Einflüsse in seinen Songs unter. Diese reichen von treibendem J-Rock über harmonischen Pop bis hin zu verquerem und disharmonischen Antifolk. Der eigentliche Trumpf Tomokawas liegt allerdings in seiner ambivalenten und vielseitigen Stimme: Diese wechselt auf Alben und in Stücken von harmonischem, klassischen Gesang zu gesprochener Rezitation, zu besinnlichem Flüstern und schließlich auch zu einem Schreien und Keifen, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Tomokawa spuckt, flucht, kreischt, keift und peitscht damit seine existenzialistischen, verzweifelten Texte nach vorne. Exemplarisch für die grandiose Mischung aus melancholischer Schönheit und essentieller Verzweiflung steht das 1981 veröffentlichte „Kanata“, in dem er sich sukzessive in einen selbstquälerischen Rausch hineinsteigert und dabei sowohl seine puristisch gespielte Gitarre als auch seine Stimmbänder schonungslos malträtiert.

Neben dem kämpferischen Antifolk ist das Epische, Orchestrale und Verspielte eine weitere nicht zu unterschätzende Seite des vielseitig kreativen Künstlers. Im 2004 veröffentlichten „Ikite Shinutoiu“ erklingen Streicher und Flöten und streicheln die Gehörgänge des Publikums, während Tomokawa melancholisch, introvertiert singt, nur um im Refrain plötzlich seine Befindlichkeiten mit einer derartigen Stimmgewalt herauszupressen, dass eine angenehme Gänsehaut erzeugt wird. Die konsequent auf japanisch gesungenen Texte Tomokawas sind kleine lyrische Kleinode, in die er metaphysische Gedanken und existenzielle Fragen ebenso verpackt wie große und kleine Emotionen: Schmerz, Angst, Hoffnung, Liebe… die Bandbreite des lyrischen Ausdrucks ist ebenso beeindruckend, wie die des Musikalischen und Stimmlichen.

Somit ist es nicht verwunderlich, dass das eigenwillige Talent Tomokawas auch anderen japanischen Künstlern nicht verborgen geblieben ist. Regie Enfant Terrible Takashi Miike verarbeitete die Stücke des Liedermachers nicht nur als beeindruckenden Score für seine Filme, sondern ging schließlich sogar so weit dem Poeten die Rolle eines klassischen, kommentierenden Chorführers auf den Leib zu schreiben. In dem 2004er Samuraihorrorepos „Izo“ ist Tomokawa nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Er begleitet die verfluchte Titelfigur durch Zeiten und Dimensionen und kommentiert dessen Handlungen mit seinem poetischen und verzweifelten Gesang. In einer beachtenswerten Szene fährt die Kamera über unzählige vom Protagonisten grausam gemeuchelte Leichen, während Tomokawas eindrucksvolles Gitarrenspiel und sein eindringlicher Gesang ertönt.

In einer anderen Einstellung sitzt der Liedermacher einsam vor einem Lagerfeuer, in seine Gedanken und sein Gitarrenspiel vertieft. Zuerst zurückhaltend singend, rastet seine Stimme ganz unerwartet vollkommen aus, verliert scheinbar die Kontrolle und spuckt all den Zorn und all die Hoffnungslosigkeit heraus, die die filmische Handlung begleiten. Es kann Miike gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass er Tomokawa diesen zentralen Platz im Film einräumt und in seine Stücke bis zum Ende spielen lässt. Der Liedermacher wird dadurch zu einem poetischen Epizentrum des Films, die weit über die Rolle eigentlicher musikalischer Begleitung hinausgeht. Seine Stimme leitet den Film nicht nur, sie trägt ihn, was bei manchen Zuschauern gar zu dem Urteil geführt hat, dass ihre Anwesenheit allein den ansonsten durchschnittlichen „Izo“ retten würde.

Bleibt die Frage, welche der zahlreichen Veröffentlichungen Tomokawas zu empfehlen seien. Ein knappes „Alle“ wäre an dieser Stelle natürlich etwas schwachbrüstig. Die früheren Alben der 70er Jahre wie Nikusei (1976) sind noch sehr stark von klassischem Folk beeinflusst. Besonders Freunde von simpler, spartanischer Instrumentierung dürften an diesen Songwriterperlen ihre Freude haben. Doch auch auf diesen zeigt sich schon der Hang Tomokawas, Popelemente in seine Stücke einfließen zu lassen. Dieser wird im Laufe der 70er Jahre immer stärker. Das 1978 veröffentlichte „Ore no Uchi de Nariymanai Uta“ geht dabei vielleicht sogar etwas zu weit. Hier schwelgt Tomokawa in einem balladesken Pop-Bombast, der die Grenzen zum Schlager und Kitsch allzu oft überschreitet. Weitaus besser gelingt die Mischung aus kratzbürstigem Antifolk und eingängigem Pop auf dem 1981 erschienenen „Umi shizuka, koe wa yami“, das mit zu den besten Werken Tomokawas zählt. Hier wechseln sich laute, schmerzhafte Songwritervorträge mit sanften Balladen und treibenden Rockstücken ab, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Ein Konzept, dem der Musiker auch auf weiteren Alben treu bleibt. In den 90ern ergänzt Tomkawa sein Werk durch orchestrale, teilweise westlich inspirierte Momente, die sich weniger dem J-Pop und mehr epischen Songlandschaften verbunden fühlen. Mit den Alben „Yume Wa Hibi Genki Ni Shinde Yuku“ (1998), „Kenshin No Ichigeki“ (2002) und insbesondere „Itsuka Toku o Miteita“ (2004) entstehen weitere großartige Höhepunkte seiner Karriere. Diese bieten eine ausgezeichnete Mischung aus puristischem, bisweilen destruktivem Anti-Folk, schrägem und eingängigen Low-Fi-Rock und orchestraler Mächtigkeit und eignen sich dadurch bestens, die Vielseitigkeit des Schreienden Philosophen kennen zu lernen.

Leider ist das Angebot an Tomokawa-Alben in Deutschland äußerst dürftig. Kontakte zu einem guten Importhändler und eine robuste Brieftasche sind somit unerlässlich, für die Beschäftigung mit dem Werk des japanischen Liedermachers. Diese lohnt sich allerdings durch und durch. Die Belohnung ist der Kontakt mit wunderschönen und tiefschürfenden Songs, großartigen poetischen Momenten und einer kaum in Worte zu fassenden beeindruckenden und überwältigenden Stimmgewalt.

0 Gedanken zu „Introducing… Kazuki Tomokawa“

  1. die alben der letzten zwanzig jahre kann man alle auch direkt beim label ordern (psfrecords.com), für japanische verhältnisse sind die preise sehr günstig.

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