Rezension zu Spike Jonzes "Wo die wilden Kerle wohnen"

Kinderbücher und insbesondere Kinderfilme haben immer zwei große Stolpersteine zu umgehen. Die erste Falle lauert darin sich sprachlich und stilistisch allzu sehr an das junge Publikum anzubiedern. Tappt der Film in die entsprechende Falle, kommt dabei ein bemüht cooles, meistens jedoch sowohl für kindliche als auch erwachsene Zuschauer höchstgradig peinliches Werk heraus, dessen gewollte Hippigkeit und Trendyness zu einem erhöhten Fremdschämfaktor führt. Die zweite Gefahr besteht darin, das junge Publikum nicht ernst genug zu nehmen: Im Endergebnis tummeln sich dann tumbe, naive Figuren in kitschigen, quietschbunten Szenarien und braven, zahnlosen Handlungen, die Kindern nicht mehr als ein gelangweiltes Gähnen entlocken.

Beide Stolpersteine zu umgehen war nun auch die Herausforderung für Spike Jonzes „Where the wild things are“, insbesondere da es sich um die Adaption eines Kinderbuchklassikers von Maurice Sendak handelt. Dessen Vorlage, die Geschichte eines kleinen Jungen, der in einer Phantasiewelt seiner Wut freien Lauf lassen kann, zählt mit gerade mal über 300 Wörtern insbesondere im englischsprachigen Raum zu den beliebtesten Kinderbüchern überhaupt.

Der junge Max (herausragend: Max Records) hat es nicht leicht. Sein Lehrer unterrichtet ohne Rücksicht auf die Ängste der Schüler Katastrophen und Weltuntergänge. Max geschiedene Mutter bändelt mit einem ihn ignorierenden Mann an, während seine ältere Schwester lieber mit ihren Freunden um die Häuser zieht, als sich um den kleinen Bruder zu kümmern. Kein Wunder, dass der Achtjährige viel Wut, Angst und Sorge in sich trägt. Diese entlädt sich eines Abends, als er in ein Wolfskostüm schlüpft, seine Mutter in den Hals beißt und schließlich so schnell er kann von zu Hause wegläuft. Mit einem kleinen Segelboot flüchtet er auf eine geheimnisvolle Insel, wo die wilden Kerle leben, eine Bande von neurotischen Monstern, die Max schnell in ihr Herz schließen und dank seiner gekonnten Flunkerei sogar zu ihrem König ernennen. Doch schon bald muss Max feststellen, dass es alles andere als einfach ist, Herrscher über die wilden Bestien zu sein.

Spike Jonze hat Sendaks Klassiker behutsam für die Leinwand adaptiert. Dass die äußerst kurze Vorlage entsprechend erweitert werden musste, liegt auf der Hand, wie dies dem Regisseur gelungen ist, verdient allerdings großen Beifall. Anstatt die Story künstlich aufzublähen, bleibt die filmische Inszenierung dem puristischen Ton des Buches treu: Auch hier findet eine Reise ins Innere statt und auch hier wird bei dieser Reise in die kindliche Phantasie auf eine Handlung mit klassischer Spannungskurve verzichtet. Stattdessen erweitert Jonze einfach die Seelenschau der Vorlage. Wo das Buch eine Auseinandersetzung mit kindlicher Wut und einem Übermaß an Energie ist, fährt Jonze gleich eine ganze Reihe an Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen auf. Die wilden Kerle verkörpern die verschiedensten Spleens, Sorgen und Neurosen, denen Max in Konfrontation mit der Erwachsenenwelt ausgesetzt ist: Da gibt es sein Alter Ego, den launischen, eifersüchtigen und wütenden Carrol, da gibt es die nachdenkliche K.W., die gehässige und unsensible Judith mit ihrem ruhigen Ehemann Ira, den missverstandenen Alexander, den anlehnungsbedürftigen Douglas und nicht zuletzt den mysteriösen, stummen und unheimlichen Bernard. All diese Wesen sind Verkörperungen von Max’ Innenleben und seiner Wahrnehmung der oft verwirrenden Umwelt.

Es kann Jonze gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass er bei der Umsetzung dieser Seelenschau keine Kompromisse eingegangen ist. Trotz fehlgeschlagener Testvorführungen und einigem Ärger mit den Produzenten und Studio hat er seine ganz eigene Vision des kindlichen Gemüts umgesetzt. Und diese Vision ist dann auch tatsächlich mitunter ganz schön verstörend, tragisch und düster. Die wilden Kerle sind exzentrisch, depressiv, cholerisch und neigen sogar zu selbstverletzendem Verhalten. Bei so viel Psychoanalyse und Abgründigkeit bleibt dann auch immer ein Restzweifel, ob die Vermarktung als Familien- und Kinderfilm tatsächlich sinnvoll ist. Die Zuschauer sahen es wohl ähnlich, und so wurden die gezeigten Depressionen, die erschreckend offene Wut oder eine exemplarische Szene in der dem Vogel Douglas ein Arm ausgerissen wird nicht gerade begeistert aufgenommen. Auch am Box Office scheint der Film, weniger Anklang zu finden. Ein finanzieller Flop – oder zumindest das Ausbleiben des Erfolges den sich Studios von Kinderfilmen zur Weihnachtszeit versprechen – zeichnet sich bereits ab.

„Where the wild things are“ ist zwar für einen gemütlichen Kinonachmittag mit der Familie ziemlich harter Tobak, allerdings auch zugleich einer der wenigen Kinderfilme, die ihr Sujet tatsächlich ernst nehmen, selbst wenn es schmerzt. Darüber hinaus kontrastiert der intime Blick auf Abgründe, die sehr wohl im kindlichen Inneren schlummern, auch immer mit Bildern purer Schönheit. Wenn Max seinen Monarchenstatus nutzt um mit den Bestien einfach nur Krach zu machen, wenn Dreckklumpen und ganze Monster durch die Gegend fliegen, wenn aus Holz und Steinen Paläste gebaut werden, dann sind das die wunderbarsten Visualisierungen kindlicher Phantasie und Vitalität, die man sich vorstellen kann. Fast schon ruhig meditativ ist so zum Beispiel die Zerstörungswut Carrols gleich zu Beginn umgesetzt, während die Schlammschlacht am neu gebauten Palast ein einziges, lautes und verrücktes Freudenfeuerwerk ist.

Neben der Ambivalenz von seelischer Fragilität und purer, lebenslustiger Schönheit begeistert der Film auch durch die visuelle Umsetzung. Die karge Landschaft, in der die Kerle wohnen, besticht durch eine unglaubliche Weite und Organität, die Monster selbst sind als liebevolle Puppen im Hansonstil inszeniert, CGI wird äußerst spartanisch und behutsam eingesetzt, wodurch der Film immer authentisch und warmherzig bleibt. Und dann sind da natürlich noch die großen Emotionen, die sich in kleinen Gesten verstecken: Max’ Geschichte von einem Vampir, der seine Zähne verliert, Carrol, dessen Wut gerade in den stillen Szenen unheimlich intensiv und greifbar ist, die an Woody Allen erinnernden neurotischen Kommentare des Ziegenbocks Alexander und natürlich die Suche von Max nach Geborgenheit und Verständnis. All das macht „Where the wild things are“ nicht einfach zu einem Kinderfilm für Kinder sondern darüber hinaus zu einem Kinderfilm speziell für Erwachsene, für die die sich an ihre eigene Kindheit mit Schaudern und Freude zurückerinnern wollen, für die, die verstehen wollen, was alles in Kindern vorgehen kann und selbstverständlich auch für die, die einfach selbst wieder – und sei es nur für hundert Minuten – Kind sein wollen. Jonze ist ein wunderbares, mitreißendes, auch zu Tränen rührendes Märchen, ein intensives intimes Psychogramm und eine bewegende, sowohl nachdenkliche als auch laute emotionale Achterbahnfahrt gelungen. Bereits jetzt einer der schönsten und besten Kinderfilme unserer Zeit.

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