Rezension zu Bon Jovis Kultalbum der 80er "Slippery When Wet"

SWW

Wir schreiben das Jahr 2040: Geschätzte 70.000 Leiber bringen das baufällige Münchner Olympiastadion fast zum Bersten. Irgendetwas liegt in der Luft und es ist keines dieser heftigen Sommergewitter, die uns im aufgeladenen Treibhausklima für kurze Zeit Linderung verschaffen. Nein, es ist eine fast greifbare Energie. Verträumte Naturen würden mit glänzenden Augen von einer magischen Aura sprechen, die sich über die schwitzende Menschenmenge spannt. Als ich langsam meinen Blick über die vollen Ränge der Arena schweifen lasse, muss ich unwillkürlich schmunzeln. Manche Sachen ändern sich wirklich nie. Immer noch kreischen Frauen aller Altersklassen mit wilden Rockmähnen um die Wette, während ihre „Vokuhila“ – Freunde apathisch mit den Füßen wippend Bier schlürfen. Na gut, bei eingehender Betrachtung kommt man zu der schmerzenden Erkenntnis, dass die jüngeren Altersklassen ziemlich rar geworden sind und dass vom „Vokuhila“ der Lederhosen – Rocker mangels Haupthaar nur noch ein „Hila“ übrig ist. Die Fans sind mit ihrer Band alt geworden. Ehe die Melancholie von mir vollends Besitz ergreift, lenkt ein Trommelwirbel meine Aufmerksamkeit auf die Bühne. Unter tosendem Applaus springen die Mannen um Jon Bongiovi ins Rampenlicht. Wobei „springen“ vielleicht nicht das treffende Wort ist, schleppt sich Saitenartist Sambora doch mühsam zu einem bequemen Sessel, während seine Bandkollegen Tico Torres und David Bryan gar in Rollstühlen zu ihren Instrumenten gebracht werden. Nur der gute Jon tänzelt wie eh und je hüftschwingend auf und ab. Ein bisschen licht sind seine wasserstoffblonden Haare geworden (das viele Färben …), doch sind sie so geschickt geföhnt, dass sie aus der Ferne fast wie die Löwenmähne vergangener Tage wirken. In einem kurzen Lachen blitzen seine blendend – weißen Zähne auf (jetzt ist auch klar, warum alle Fans in den ersten Reihe Sonnenbrillen tragen …) und dann ergreift er das Mikrofon:

„Once upon a time, not so long ago …“

Ach, Johnny, alter Schmeichler, es ist doch nun wirklich schon verdammt lang her. Bis ins Jahr 1986 muss man zurückgehen, um die Geschichte von „Slippery When Wet“ zu entrollen. Nachdem vom Debütalbum nur „Runaway“ dem Strom der Zeit trotzen konnte und das Nachfolgealbum „7800° Fahrenheit“ von Fans wie Kritikern gleichermaßen als ungeliebte Pop – Metal Missgeburt denunziert wurde, hingen „Bon Jovi“ in den Seilen und schienen nur noch auf den Knockout zu warten. Ein Album gestand ihnen die Plattenfirma noch zu, eine letzte Chance, ein letzter Strohhalm für Jon, um seinen Lebenstraum verwirklichen zu können. Der Rest ist Rockgeschichte: „Slippery When Wet“ definierte den Stadionrock, mauserte sich zu einem der erfolgreichsten Rockalben aller Zeiten und hat auch zwanzig Jahre nach Erscheinen nicht an Reiz verloren. Schon bei den ersten Tönen von „Let It Rock“ werden die Karten auf den Tisch gelegt: Ohne Ausnahme und ohne Schnörkel knallen uns wuchtige Gitarren und simple, wenn auch effektive, Mitgröhltexte entgegen. Von dieser Kompromisslosigkeit und einem Gespür für eingängige und dennoch unaufdringliche Melodien getrieben kreierte Jon in Kooperation mit Busenfreund Sambora Rocklieder für die Ewigkeit. So dürfte sich der Doppelpack „You Give Love A Bad Name“ und „Livin` On A Prayer“ in die Gehörgänge sämtlicher Generationen fressen und dies nicht zuletzt, da keine Karaoke – Bar diese Klassiker entbehren kann. Nach „Social Disease“, das mit zwielichtigem Gestöhne dem leicht pervers angehauchten Albumtitel Respekt zollt, wartet mit „Wanted: Dead Or Alive“ nicht nur das Herzstück der Platte, sondern ein Lied, das zum Inbegriff für die Band schlechthin wurde. Von Samboras wunderbaren Akustikgitarren unterstrichen thematisiert Jon die erdrückende Heimatlosigkeit des Tourlebens und stilisiert die Band zum einsamen Bühnencowboy:

„Sometimes I  sleep, sometimes it`s not for days / The people i meet always go their separate ways / Sometimes you tell the day / by the bottle that you drink / And sometimes when you are all alone / All you do is think”

Unaufhaltsam rollt die Stadionrock – Walze weiter, mal übertrieben plakativ („Raise Your Hands“), mal anschmiegsam („Without Love“), mal süßlich in der Vergangenheit schwelgend („Never Say Goodbye“), doch Ausfälle gibt es keine zu verzeichnen. „Slippery When Wet“ ist Stadionrock in seiner reinsten Form, ebenso konsequent wie kompromisslos. Gekonnt spielte die Band mit ihren Stärken und erschuf ein erschreckend homogenes Rockalbum, das sich – garniert mit gleich drei Liedern für die Ewigkeit – zu einem der Kultalben der 80er aufschwang …

Zurück in die Zukunft: Nach satten vier Stunden, in denen Jon mehrmals künstlich beatmet werden musste, neigt sich das Konzert dem Ende entgegen. Schwerfällig erhebt sich Richie, greift zur Akustikgitarre und schleppt sich zu seinem alten Kumpel Jon. Leise erklingen die vertrauten Töne von „Never Say Goodbye“ und irgendwie beginnt man zu begreifen, dass man Außergewöhnliches erlebt hat. Diese Begeisterung, diese Energie, die „Bon Jovi“ auf der Bühne versprühen, lässt all die Anbiederungen an den Mainstream vergessen. Genau hierhin gehören sie, in die großen Stadien dieser Welt. Zwei Alben lang haben „Bon Jovi“ nach ihrem Platz in der Musikwelt gesucht, gefunden haben sie ihn schließlich mit „Slippery When Wet“.

Der Stadionrock ist tot – es lebe der Stadionrock!

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