
U2 und Berlin, das ist eine besondere Geschichte. Hier entstand 1992 ihr vielleicht bestes Album „Achtung Baby“, welches mit dem euphorischen Stadionrock der 80er brach und zeitgemässe Hooklines und Experimente aus den Dance-Clubs zuließ. Das Album zementierte endgültig den Status von U2 als einer der erfolgreichsten Bands der Gegenwart und brachte Frontsänger Bono in eine schwere Identitäskrise, der er nur entkam, indem er sich hinter einer monströsen Sonnenbrille versteckte und ein Bühnen Alter Ego namens McPhisto (in Ahlehnung an Mephisto) erschuf und mit Pop ein lautes Mifdlife Crisis Album erschuf, was zwar den ständigen Willen zur Veränderung demostrierte, aber dann doch allzu deutlich klarmachen sollte, dass U2 immer noch mit jüngeren Bands und dem damailigen Zeitgeist Schritt halten konnte.
Fast 11 Jahre später scheinen U2 ihren Frieden und ihre Standortbestimmung gefunden zu haben. Wärend die 90er noch ein Verteidigungskampf gegen die wütende neue Rockgeneration waren und Stadionrock-Antipathien als der neue Chic galten, können sich die irischen Rocker im Jahr 2009 ganz entspannt zurücklehnen. In Zeiten von massiven Verkaufseinbrüchen verkaufen sich die Alben von U2 dank treuer Fanbase trotzdem immer noch ordentlich und durch neuere Hits wie Beautiful Day konnte auch die jüngere Generation bei der Stange gehalten werden.
So verwundert es kaum, dass das Olympiastadion fast bis auf den letzten Platz ausverkauft ist und das Publikum ein Querschnitt vom Alt-Rocker bis hin zum stylischen Berlin-Mitte Rockfan ist. Gerade von den hinteren Rängen erkennt man die Ausmasse der riesigen Bühne, die von der Band selber scherzhaft Space Station genannt wird, besonders gut und durch das 360° Konzept kann man sich – so zumindest die Theorie – rundherum einen Einblick auf die Bühne verschaffen. Wie allerdings hinterher in Blogs bekannt wurde, scheint dieses Konzept für die Plätze hinter der Bühne nicht ganz aufzugehen, zudem steht die Bühne nicht wirklich in der Mitte, sondern im nördlichen Teil des Stadioninnenraums.
Warum die knapp 40 Euro für die hinteren Ränge der Sitzplätze allerdings trotdzem gut angelegt sind, erkennt man erst im Laufe des Abends und der einbrechenden Dunkelheit. Bevor allerdings der Hauptact U2 die Bühne betritt, gibt es erstmal ein Wiedersehen mit Snow Patrol, die schon 2005 als Vorgruppe fungierten und damals noch recht wenigen Leuten ein Begriff waren. Seit dem Durchbruchalbum Eyes Open und natürlich dem Megaerfolg „Chasing Cars“ hat sich das geändert. Aus dem damals schüchtern wirkenden Sänger Gary Lightbody hat sich ein selbstbewusster und charismatischer Frontmann entwickelt, was aber trotzdem nichts daran ändert, dass die Band in der Riesenkonstruktion, die an eine überdimensionale Krabbe erinnert, ein wenig untergeht. Immerhin kann man sich zu dem Zeitpunkt schon überzeugen, dass der kräftige Sound auch die hintersten Plätze des Stadion erreicht.
Um 21 Uhr ist dann endlich soweit und U2 betreten unter frenetischem Beifall über eine kleine Brücke die Bühne. Wie schon zuvor beginnt das Set mit Songs vom neuen Album, was sich als geschickte Wahl erweißt, da in der Euphorie klar wird, dass die neuen sperrigen Songs nicht ganz in das Stadionrock Konzept passen. So reißt es einen Großteil der 90.000 Besucher auch erst zu „Sunday Bloody Sunday” aus den Sitzen und genau in solchen Momenten erkennt man, was für ein unglaubliches Erlebnis ein U2 Konzert sein kann, wenn Stimmung und gigantische Lightshow eine stark euphorisierende Fusion eingehen. Technisch wird einem eh demonstriert, wo der momentane Status Quo in Sachen Bühnendesign und Lightshow im Bereich Sadionrock liegt: Auf dem riesigen Lichtkegel in der Mitte erscheint wahlweise die Band in Grossaufnahme, monströse Lichteffekte und quasi als Spitze des Eisberges wortwörtlich ein Leuchtturm. U2 wissen eben auch ihren finanziellen Sonderstatus unter den Rockbands auszuspielen und sollte auch die Musik der Iren im nächsten Jahrzehnt volkommen passe sein, kann man sicher sein, dass hier das Limit für die nächste Generation gesetzt ist oder eben das beeindruckende Finale des technisch Möglichen erreicht wurde.
Setlist
1. Breathe
2. No Line On The Horizon
3. Get On Your Boots
4. Magnificent
5. Beautiful Day
6. Mysterious Ways
7. I Still Haven’t Found What I’m Looking For
8. Angel of Harlem
9. Stay (Far Away, So Close)
10. Unknown Caller
11. The Unforgettable Fire
12. City of Blinding Lights
13. Vertigo
14. I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight
15. Sunday Bloody Sunday
16. Pride
19. Walk On
20. Where the Streets Have No Name
21. One
Encore:
22. Ultraviolet
23. With or Without You
24. Moment of Surrender