Unerhört! Dramatiker entdeckt dass Menschen Frauen sind II – Henrik Ibsens “Hedda Gabler”

Ebenso wie Nora ist auch Hedda Gabler eingesperrt, doch Hedda ist von ganz anderem Kaliber. Sie ist, oder vielmehr war ein wildes Mädchen, eine Laura Palmer. Bevor sie sich mit dem sie langweilenden Kulturhistoriker Jörgen Tesman verheiratete, hatte sie einige Liebesbeziehungen. Eine Laura Palmer also, die versucht eine Lady Macbeth zu sein, wie wir sehen werden. Doch sie hat eben mehr gemein mit ersterer, der schönsten Wasserleiche der Welt aus „Twin Peaks“, als mit Lady Macbeth. Vor allem ist sie am Ende genauso tot.

Als Ibsen „Hedda Gabler“ schrieb, erforschten zeitgleich Psychologen die “weibliche Hysterie”. Das war damals irgendwie en vogue. Auch Sigmund Freud war mit von der Partie und entwickelte dann daraus die Psychoanalyse, nicht zuletzt aus der Entdeckung dass Hysterie kein rein weibliches Phänomen war. Hysterie hatte damals jedenfalls Konjunktur und Ibsens “Hedda Gabler” macht teilweise den Eindruck einer protofreudianischen Neurosestudie. Man kann in Hedda Gablers Verhalten Hysterie hineindeuten, wenn man danach strebte alles zu pathologisieren. Schließlich ist Hedda unzufrieden, unbefriedigt und unglücklich, doch anders als bildungsbürgerliche Psychologen (also die Vor-Freuds) zeigt Ibsen nicht mit dem Finger auf Hedda Gabler sondern mit Hedda Gablers Finger auf die Umstände der sie umgebenden Gesellschaft.

Während Nora es schafft sich zu befreien und quasi bei Null anfängt hat Hedda, wie wir später sehen werden, Angst davor. Als Tochter eines Generals kommt sie aus großbürgerlichen Verhältnissen und gerät durch die Ehe mit Jörgen Tesman in klein- und bildungsbürgerliche Verhältnisse, die ihr nicht behagen. Zu Brack, einem Freund der Familie, der sich übrigens am liebsten in einem Dreiecksverhältnis mit Hedda und ihrem Mann sähe, äußert sie sich:

„Und dann das Allerunerträglichste … immer und ewig zusammenzusein mit – mit ein und und demselben.“

Hier äußert sie zwar ihren Unmut, jedoch kommuniziert sie diesen gegenüber ihrem Mann nicht, sondern zeigt ihn in arrogantem und abwehrendem Verhalten gegenüber der Familie ihres Mannes. Ibsen macht das auch an ihrem Namen kenntlich, er nennt sie Gabler, trotzdem sie verheiratet ist. Sie ist also eher die Tochter ihres Vaters als die Frau ihres Mannes. Als ihre alte, heftige Liebe Ejlert Lövborg, ein ehemaliger Lebemann, wieder in ihr Leben tritt entwickelt sie eine Eifersucht auf Frau Elvsted, da Lövborg unter Einfluss der Elvsted nicht nur sein altes Leben abgelegt sondern sogar ein beachtetes kulturwissenschaftliches Buch verfasst hat. Sie entwickelt den Wunsch:

„Ich will ein einziges Mal in meinem Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal.“

Wohlwissend dass es sein Absturz sein wird, verführt sie so Lövborg dennoch zum Alkoholgenuss, in Folge dessen dieser sein neues Manuskript verliert. Das Manuskript gerät in Heddas Hände, die es verbrennt mit den Worten:

„Jetzt verbrenne, – jetzt verbrenne ich das Kind.“

Den verzweifelten Lövborg indes drückt sie ein Pistole in die Hand, in der Hoffnung dass dieser sich ein „ästhetisches Ende“ setzt. Doch Lövborg geht die Knarre in der Hose los, er verblutet in einem Bordell jämmerlich.

Die sie umgebenden Bedingungen zwängen Hedda zwar ein, aber dennoch scheitert sie vielmehr an sich selbst, weil sie nicht wie Nora die richtigen Schlüsse zur Befreiung ihrer selbst zieht. An einer Stelle heißt es, dass sie Angst hat vor dem gesellschaftlichen Skandal. Aber das Drama als auch die Figur Hedda Gabler ist gegenüber Nora, dramatisch und psychologisch betrachtet viel interessanter, weil vielschichtiger und widersprüchlicher. Ihre mehr oder weniger ungeäußerten Wünsche und ihr Verhalten machen sie zu einer der interessantesten Frauenfigur der Weltliteratur. Ihr Wunsch nach Freiheit und Liebe verwandelt sich schließlich in düsteres und destruktives Verhalten. Daher hat dieses Drama einen starken psychoanalytischen Duktus und daher ist die Figur Hedda für Psychoanalytiker auch so interessant. Scheinbar gute und nachvollziehbare Motive ziehen düster-dunkles Verhalten nach sich.

„Ach, ich weiß selbst nicht, was ich tue. Wohin ich blicke – alles düster.“

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