Unerhört! Dramatiker entdeckt dass Menschen Frauen sind I – Henrik Ibsens “Nora”

Mit „Stützen der Gesellschaft“ entwickelte Henrik Ibsen 1877 das naturalistische Gesellschaftsdrama. „Nora oder Ein Puppenheim“ (1879) und „Hedda Gabler“ (1890) entsprechen nicht ganz den Regeln des naturalistischen Dramas, weisen jedoch naturalistische Züge auf. Allen voran das kritisch- analysierende Moment.

Als „Eichkätzchen“ und „Singlerche“ bezeichnet der Rechtsanwalt Helmer seine Frau Nora und sie trägt und spielt die ihr zugedachte Rolle auch. Fröhlich und lebhaft springt sie in ihrem Käfig auf und ab. Gerade das Motiv der Singlerche entspricht der Unterdrückung der Weiblichkeit im christlich-patriarchalen Abendland. Ihre Entladung und krassen Kontrapunkt erfährt diese Einzwängung in den hochfrequenten Opernarien der abendländischen Musik. Die gepresste, hohe Stimme zeugt von engen Verhältnissen und der Domestizierung der Frau. Heute ist davon allein das entzückende ästhetische Moment übrig geblieben. In der Diva-Szene aus „Das fünfte Element“ sieht man die Gegenüberstellung aber auch die Analogie und Verwandtschaft von domestizierter und befreiter Weiblichkeit. Die Singlerche mit der sich aus Engen herauspressenden Stimme und ihre (der freien Stimme) körperliche Ergänzung im Kampf der Amazone:

Auch Nora weiß sich am Ende zu befreien, doch erst durchläuft sie eine Entwicklung. Zunächst erfährt der Zuschauer, dass sie vor Jahren ihrem Mann das Leben rettete. Helmer hatte sich bei der Arbeit übernommen und arbeitete sich in einen gesundheitsgefährdeten Zustand. Eine Kur war nötig, doch dies konnte sich die junge Familie nicht leisten. Da nahm Nora ein Kredit auf, wozu sie die Bürgschaftsunterschrift ihres im Sterben liegenden Vaters fälschte. Ihrem Mann erzählte sie das Geld sei das Erbe ihres Vaters. Schon hier bröckelt das Bild der unfähigen Frau. Als sich abzeichnet dass Noras Gläubiger die Familie wegen der gefälschten Unterschrift erpressen will und Helmer daraufhin allein von seinem zerstörten Glück und seiner vernichteten Zukunft spricht, macht Nora eine tiefgehende, bewusstseinsverändernde Erfahrung. Es offenbart sich ihr der Zwang und die Unfreiheit der ihr aufgezwungenen gesellschaftlichen Rolle als „Eichkätzchen-und Singlerchen-Frau“, als domestizierte Puppe. Eine Rolle die in einer von Männern dominierten Gesellschaft erwartet wird. Nora macht nun den ersten Schritt zur Befreiung:

„Als ich zu Hause bei Papa war, teilte er mir seine Ansichten mit, und so bekam ich dieselben Ansichten. War ich anderer Meinung, so verheimlichte ich das; es wäre ihm nicht Recht gewesen. Er nannte mich sein Puppenkind[…], auch unser Heim war nichts anderes als eine Spielstube.“

Indem ihr die „Pflichten gegen sich selbst“ bewusst werden, wird Nora zu einem Individuum. Sie müsse sich nun selbst erziehen, bevor sie ihre Kinder erziehen könne. Konsequent verlässt sie die Familie um „herauszukriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ Während in der  klassischen naturalistischen Literatur viel von Vererbungslehre die Rede ist (kenntlich gemacht am grassierenden Alkoholimus) und es nahezu unmöglich scheint den Verhältnissen zu entkommen, verweist Ibsen immer wieder auf die Eigenverantwortlichkeit und redet einem Indiviualismus das Wort. Ich habe keine Ahnung von Feminismus, aber ich behaupte mal dass Nora die Urgroßmutter aller FeministInnen ist.

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